Das freie Spiel des Kindes als Grundlage für Kunst
Als Unterrichtender in den Bereichen der Erziehungs- und Bildungswissenschaften habe ich mich schon früh mit den Themen Spiel und Kunst auseinandergesetzt und habe mich dabei auch des Werks „Nachahmung, Spiel und Traum“ von Jean Piaget bedient, welches mir bereits in meiner Studienzeit aufgefallen war. Piaget zeigt in diesem Buch auf, dass sich der Gegensatz von Anpassung an Bestehendes einerseits und Drang zur individuellen Freiheit andererseits bereits innerhalb der Entwicklung des Kindes manifestiert. Der Autor hat uns dazu einen Lösungsvorschlag hinterlassen, welchen ich im Folgenden kurz vorstellen möchte. Piaget beschreibt die Entwicklung des Kindes als schrittweise Anpassung an die das Individuum umgebende Lebenswelt. Die Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Anpassung an vorhandene gesellschaftliche Normen, Gesetze und Regeln und dem Drang nach individueller Freiheit benennt er mit den Begriffen Assimilation und Akkommodation:
Während Akkommodation relativ unproblematisch als Anpassung und und in seiner extremen Ausübung als Nachahmung übersetzt werden kann, hat der Begriff Assimilation vielen Interpretationen Raum gelassen und nicht nur uns als Studierenden Kopfzerbrechen bereitet. Zu stark war der Begriff vom semantischen Gehalt her mit Bedeutungen wie „Aufnehmen“ oder „Aufsaugen“ im Bereich der Biologie oder „Eingliederung“ in Bereichen der Soziologie besetzt. Erst als ich den Begriff mit „Unterwerfen“ übersetzte, ergaben Piagets Erörterungen für mich ihren tiefen Sinn. Das Kind vollzieht nach Piaget in seiner Entwicklung ein stetes Hin und Her zwischen den zwei Prinzipien Assimilation und Akommodation oder in meine Sprache übersetzt: es bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen zwei Polen, auf der einen Seite Anpassung an die Dinge der Welt und auf der anderen Seite Unterwerfen der Dinge der Welt, wobei hier der Autor die extreme Variante als freies Spiel des Kindes bezeichnet. Dieses Unterwerfen kann sowohl Objekte der der äusseren Welt betreffen als auch Sprache und Denken. Den ganzen Prozess umschreibt Piaget mit dem Begriff „Lernen“. Das Kind lernt durch Anpassungsleistungen zunehmend mehr von seiner Umwelt zu verstehen und zu behandeln, worauf es sich dann in Übungen und im freien Spiel mit diesen Verhaltenselementen sich seine individuelle Welt erschafft, sich deren Dinge unterwirft, sie meistert.
Dieses Unterwerfen strebt immer nach Freiheit, nicht nach Einschränkung. Dabei kann im kindlichen Spiel auch Vieles zu Schaden kommen, seien es Gegenstände, Tiere oder Menschen. Das Kind orientiert sich bei seinem Spiel nicht an moralischen Prinzipien sondern nur an seiner Lust, mit den Objekten in freier Weise umzugehen, sie sich nach seinen Wünschen und seinem Willen zu unterwerfen, über sie zu herrschen, sie zu beherrschen. Die Eltern und weitere Erziehungspersonen haben in der Folge die Pflicht, Grenzen zu setzen und Regeln einzuführen. Dies alles mit Mass: es muss dabei sowohl auf die Interessen des Kindes, seine Kreativität und seinen Freiheitsdrang, als auch auf die Interessen der Gemeinschaft Rücksicht genommen werden. Die Interessen der Gemeinschaft manifestieren sich beim Kind in der Folge als Normen und Gesetze.
Leider hat bei Piaget in der Folge das freie Spiel des Kindes in der Welt des Erwachsenen seinen wichtigen Platz nicht gefunden. Immerhin äussert er sich kurz dahingehend, dass dieses freie Spiel des Kindes dann als Regelspiel in die Arbeit des Erwachsenen übergeht:
(Piaget, 217)
Bevor er sich anderem zuwendet, hinterlässt er uns einen für unser Thema interessanten Schlusssatz:
Hier deutet der Autor den Unterwerfungscharakter des Spiels kurz an und ich erlaube mir an dieser Stelle, seine Überlegungen zur kindlichen Entwicklung in umfassenderer Form in die Welt der Erwachsenen zu extrapolieren um aufzuzeigen, wie das freie Spiel des Kindes zur Wurzel aller Kunst wird. Kunst ist im freien Spiel angelegt, wird dort geboren.
Freies Spiel und künstlerische Tätigkeit sind meines Erachtens von ihrer Struktur her identisch. Im freien Umgang, dem Unterwerfen und Meistern von Gegenstands-, Sprach- und Denkwelt entsteht Neues und in der Perfektion desselben entsteht Kunst. In diesem Sinne ist auch jeder Erfinder potentieller Spieler und Künstler.
Der Künstler befindet sich in einem stetigen Kampf gegen alle Forderungen nach Anpassung der umgebenden Gesellschaft oder wie es der Regisseur Pedro Almodóvar nach Emmanuel Carrère in einem Interview passend formuliert:
(Berner Zeitung,22.7.2026,19)
Spiel und Kunst werden so für die Entwicklung unserer Kultur zentral. Sie sind notwendig als Gegengewicht zu Anpassung, täglicher Routine und Broterwerb, weil die Akteure im Spielen und Kreieren in die Zukunft extrapolieren. Sie helfen uns auf der Suche nach Neuem und tragen uns aus dem Alltag hinaus. Sie erlösen uns für Momente von den Notwendigkeiten des Daseins und vor allem ermöglichen sie uns Glücksgefühle, den „Flow“, wie es Mihaly Csikszentmihalyi in seinem Werk „Flow“, das Geheimnis des Glücks“ nennt. Hier nähern wir uns dem Motor unserer Anstrengungen zum Erreichen unserer Ziele, sei es im Spiel oder in der Kunst aber auch in anderen Bereichen des Lebens. Wir streben nach Momenten des Glücklichseins und wir erleben diese kurzen aber unbezahlbaren Momente, wenn wir in unserem „Werk“ uns selber übertreffen
Kunst und Ästhetik, Kunst und Moral
Beim Nachdenken über diesen psychologisch-anthropologischen Ansatz zu den Phänomenen Spiel und Kunst bleiben Begriffe wie Ästhetik und Moral weitgehend auf der Strecke. Meiner Ansicht nach berechtigterweise. Sowohl moralische als auch ästhetische Prinzipien sind abhängig von der das Individuum umschliessenden Gemeinschaft, von den kulturellen Gegebenheiten, in welche es gesetzt wird. Ein allgemeiner Kunstbegriff lässt sich daraus nicht ableiten. Ästhetische Prinzipien dienen uns - ob bewusst oder unbewusst eingesetzt - als mögliche Werkzeuge sowohl bei der Produktion wie bei der Rezeption von Kunst.
Ausgehend von den Thesen von Piaget kann abgeleitet werden, dass ein Kunstwerk nur dort entstehen kann, wo der Künstler in möglichst grosser Freiheit mit seinen Gedanken, mit seiner Sprache und mit den Objekten der physischen Welt experimentieren kann. Dort, wo die Anpassungsleistungen im Vordergrund stehen, seien dies Anpassungen an ästhetische oder moralische Prinzipien, vor allem aber auch an schulische Vorgaben, was als Kunst zu betrachten sei, kann Kunst nicht entstehen. Ein Schaffender, der nach links und nach rechts schaut, sich bestimmten Modetrends anpasst, wird so im besten Fall zu einem guten Kunsthandwerker aber nie zu einem wahren Künstler.
Wenn wir diese Ausführungen zu Ende denken, war Neros Kunstwerk das brennende Rom, war Hannibal Lectors Kunstwerk im Film „Das Schweigen der Lämmer“ das mit seinem Opfer gemeinsam verspeiste Gehirn, war Oppenheimers Kunstwerk die Atombombe und aktuell die Rakete Starship auf dem Weg zum Mars zum grossen Kunstwerk des Tec-Milliardärs Elon Musk. Oder wie Giuliano da Empoli in seinem Werk „Der Magier im Kreml“ seinem Protagonisten Wadim Baranow in den Mund legt:
Aber auch jede geniale Applikation, sei dies zum wohltätigen Zusammenführen von Menschen, zum besseren Verstehen der Natur oder zur Gesichtserkennung einer Kampfdrohne, das grandiose Triebwerk eines Ferraris, ob umweltfreundlich oder nicht, ob menschenfreundlich oder nicht, kann aus dieser Sicht zum Kunstwerk werden.
Nicht der Künstler hat die Aufgabe, sich Grenzen zu setzen! Dies sind die Aufgaben des Gemeinwesens, des Staates. Wenn sich der Erfinder, der Komponist, der Kunstmaler an gesellschaftlich gegebenen moralischen und ästhetischen Prinzipien orientiert, sind der Kunst zum Vornherein allzu enge Grenzen gesetzt. Um vom Gemeinwesen her Kunst zu fördern, muss es dem Künstler erlaubt sein, für kurze Zeit den kategorischen Imperativ von Kant zu sistieren und frivol ausgedrückt „über die Grenzen zu schlagen“.
Hier setzt die diffizile Aufgabe des Staates ein, die Auswüchse der Kreativität des Einzelnen zu beschränken ohne die Zukunftsträchtigkeit des Künstlers und der Kunst zu behindern. Er erhält dieses fragile Gleichgewicht mit dem Formulieren und der Kontrolle von Regelungen, welche dem Ausufern der Kreativität des Einzelnen zwar Grenzen setzt aber bewusst auch Freiräume lässt für Kunst und Künstler. Diese Regelungen und Gesetze sind die Spielregeln für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Der Staat versagt, wenn er dieser Aufgabe nicht oder nur unzulänglich nachkommt.
Das „Spielerische“ als Möglichkeit jeglichen menschlichen Handelns
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bei jedem Handeln des Menschen, sei es im Umgang mit den Objekten der äusseren Welt, sei es in Sprache oder im Denken das Element Spiel respektive die Möglichkeit zum Kunstwerk, zur Kunst enthalten sein kann. Dies in stärkerer oder schwächerer Form. Hier schliesst sich der Kreis zu Friedrich Schiller und seinen Ausführungen „Ûber die ästhetische Erziehung des Menschen“, den wohl inspirierendsten Texten zum Phänomen Spiel und in unserem Verständnis auch zum Phänomen Kunst, welche der grosse Autor im Jahr 1795 veröffentlichte. In seinem fünfzehnten Brief fasst er es zusammen:
Wird das Spielerische, als das nach Freiheit und in die Zukunft strebende Element dominant, kann der Werker zum Künstler werden.
Dies wird möglich, wenn dieses nach Neuem Suchende sein Wirken leitet. Kunst, Erfinden, Kreieren bedeutet Unterwerfen, ohne nach links und rechts zu schauen, ohne Rücksicht auf Mode und erst viel später als Anpassung an gesellschaftliche Normen und Werte. Der Künstler wird so nicht nur zum Erzeuger eines Kunstwerks sondern auch zum Erzeuger von Kultur. Um in die Zukunft extrapolieren zu können, sei dies als Künstler im klassischen Sinne oder als Wissenschaftler und um damit seinem Auftrag als Schöpfer von kultureller Veränderung gerecht zu werden, muss ihm Freiheit gegönnt werden, Freiheit mit all ihren Gefahren. Vermittlung künstlerischer Freiheit als Gratwanderung der Verantwortlichen unserer Gesellschaft zwischen Gegebenem und Zukünftigem.
München, Penguin
CSIKSZENTMIHALYI Mihaly (2008/14) Flow. Das Geheimnis des Glücks.
Klett-Cotta, Stuttgart
PIAGET Jean (1996/4) Nachahmung, Spiel und Traum.
Klett-Cotta, Stuttgart
SCHILLER Friedrich (2009) Über die ästhetische Erziehung
(Kommentar von Stefan Matuschek)
Frankfurt: Suhrkamp